Weiblicher Wandel in der Wirtschaft

Von Annett Martin und Nora Möllers

Gemessen an den Zahlen müssten wir eigentlich in Tränen ausbrechen. Das Weltwirtschaftsforum hat jüngst in einer Studie festgestellt, dass noch etwas mehr als 200 Jahre vergehen werden, bis Frauen genauso viel wie Männer verdienen und im Job Chancengleichheit herrscht. Und auch wenn mittlerweile nahezu jede fünfte Führungskraft im deutschen Mittelstand eine Frau ist, herrscht in Großunternehmen noch immer ein gravierender Frauenmangel in den Chefetagen. Lediglich acht Prozent der Führungspositionen sind hier mit Frauen besetzt, 85 Prozent der Konzerne haben ausschließlich männliche Führungsgremien. Doch gemessen an der Realität gibt es für uns ebenso gute Gründe, Mut und Zuversicht zu schöpfen. Nicht nur, weil die Deloitte-Studie „Arbeitswelten 4.0 im Mittelstand“ 2018 gezeigt hat, dass ein hoher Frauenanteil in Unternehmen bzw. Führungsgremien und der Unternehmenserfolg korrelieren.

Erfolgreiche Unternehmen setzen demnach auf Frauen: 19 Prozent haben eine oder mehrere Frauen im Aufsichtsrat, bei den weniger erfolgreichen Firmen waren es nur 13 Prozent, so Deloitte. Und während die Spitzenreiter einen weiblichen Anteil von 41 Prozent in der Belegschaft haben, sind es bei den weniger erfolgreichen Unternehmen nur 34 Prozent. Mut und Zuversicht lässt sich auch aus der Tatsache schöpfen, dass es einen Bewusstseinswandel bei den Frauen selbst gibt. Jenseits von Quotenregelungen, Entgelttransparenzgesetz und wohlwollenden Vorgesetzten haben weibliche Managerinnen hierzulande ebenso ein starkes Selbstbewusstsein wie ein Bewusstsein für den Nutzen von Netzwerken entwickelt.

Weiblicher Wandel in der Wirtschaft


Neues weibliches Selbstbewusstsein

Wer bislang als Frau die Karriereleiter emporkletterte, sah sich etlichen Vorurteilen ausgesetzt, im privaten wie im beruflichen Umfeld. Männliche Mitarbeiter und Führungskräfte betrachteten die neue Chefin nicht selten skeptisch. „Das lag sicherlich auch daran, dass einige Frauen versucht haben, den männlichen Führungsstil zu kopieren, um erfolgreich zu sein. Manche Frau wurde dadurch sogar noch härter wahrgenommen als so mancher Mann“, sagt Monika Henn, Dipl.-Psychologin und Autorin des Buches „Die Kunst des Aufstiegs“, für das sie eine umfangreiche Studie in der deutschen Unternehmenslandschaft durchführte (Quelle: Markt und Mittelstand).

Heute zeigen immer mehr Frauen ihre Weiblichkeit selbstbewusst und authentisch. Tina Müller, Vorstandschefin des Parfum- und Kosmetikhändlers Douglas, rät ihren Geschlechtsgenossinnen: „Authentisch sein, bei sich bleiben, sich nicht an eingefahrenen Mustern und männlichen Stilvorgaben orientieren.“ Es brauche selbstbewusste Männer, die Frauen in verantwortungsvolle Positionen befördern, und selbstbewusste Frauen, die diese Herausforderung annehmen. (Quelle: editionf). Und um sich selbst als Frau in die Position zu bringen, das Angebot einer neuen Herausforderung zu bekommen, ist neben dem eigenen Selbstbewusstsein auch die Arbeit mit Mentorinnen hilfreich.

Weibliche Kooperation statt Konkurrenz

Julia Jäkel, Vorstandsvorsitzende des Verlagshauses Gruner + Jahr, sagt: „Frauen unterstützen sich heute gegenseitig. In dieser Intensität ist das neu.“ (Quelle: Manager Magazin). Dabei ist die Kunst des Netzwerkens und Mentorentums nicht neu, doch sie wurde lange Zeit überwiegend von unseren männlichen Kollegen angewendet. Doch mittlerweile haben auch Frauen entdeckt, dass Kooperation und Unterstützung weiter führen als Neid und Missgunst.

Als Mentoring-Beirat im etablierten weiblichen Business-Netzwerk der Healthcare Frauen (HCF) wissen wir längst: Gegenseitige Unterstützung und Empfehlung im Job, auch firmenübergreifend, kann dabei helfen, die berühmte gläserne Decke zu durchbrechen und weitere Führungspositionen zu besetzen. Wohlgemerkt: Damit meinen wir den Austausch und Know-how-Transfer auf fachlicher und menschlicher Ebene, der den steinigen Weg an die Spitze für weibliche Führungskräfte leichter machen kann.

Das neue K-Triple: Klarheit, Kompetenz und Kühnheit

Denn um von den entscheidenden Stellen für den nächsten Schritt auf der Karriereleiter wahrgenommen zu werden, braucht es Klarheit, Kompetenz und eine gewisse Kühnheit. Wer soll uns mehr Verantwortung zutrauen, wenn wir sie uns selbst nicht wirklich zutrauen? Wer soll unsere Stärken und Talente wahrnehmen, wenn wir uns ihrer selbst nicht richtig bewusst sind? Mancher weiblicher Stolperstein resultiert aus dem Gefühl der Unterlegenheit. Umso entscheidender ist es, sich seiner eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusst zu sein. Das nährt unser Selbstbewusstsein und lässt uns nicht erschrocken zurückzucken, wenn es gilt, Herausforderungen zu meistern.

Frauen, denen das klar ist, suchen sich erfolgreiche weibliche Vorbilder und lernen von ihnen – oder teilen ihr Wissen und ihre Erfahrungen. Auf diese Weise können sich Frauen gegenseitig nach oben helfen und die nächste Generation weiblicher Leader aufbauen. Mit seinem zertifizierten Mentoring-Programm, bei dem erfahrene weibliche Führungspersönlichkeiten aufstiegswillige junge Frauen ein Jahr lang begleiten und unterstützen, bietet der HCF Mentorinnen, die schlummerndes Potenzial wecken und Mut machen, weiterzugehen. Denn eines ist gewiss: Vom Stillstand werden sich weder die Zahlen noch unliebsame Zustände ändern.

Weiterentwicklung beginnt mit Entschlossenheit – und vielleicht auch der Entscheidung, sich für einen Teil des Weges Unterstützung zu holen: https://www.healthcare-frauen.de/projekte/mentoring/